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Es war meine erste Arbeitsstelle nach dem Studium. Als Versuchs-Ingenieur bekam ich die praktischen Probleme in einem Zulieferbetrieb der Luftfahrt sofort hautnah zu spüren.

Das erste Problem war keines für mich. Ich war ja noch voll von all dem Wissen, was mir in 5  Jahren eingtrichert worden war. Herr S. zeigte mir ein kleines Stück Glas mit einem Aluminium-Rähmchen. Das Glas sollte so auf eine Fläche geschraubt werden, dass die Öffnung darunter dicht abgeschlossen würde. Dauernd würde das Glas entweder undicht werden, oder, wenn man die Schräubchen härter anzog, würe es regelmäßig brechen. Die Lösung war einfach: Um die abzudichtende Öffnung eine kleine Nut fräsen, einen O-Ring einlegen und das Glas nur leicht befestigen. Das techische Prinzip dahinter: Ein O-Ring drückt sich durch den Innendruck aktiv in den Dichtspalt. Je höher der Druck, dest höher die Dichtwirkung. Ab da brachen die Gläser nicht mehr und es blieb an dieser Stelle dicht.

Das Glas, mit dessen Problem ich so unmittelbar konfrontiert worden war, war aber nur die Spitze des Eisbergs. Der Eisberg, das war eine Ölstandsanzeige in einem Getriebe. Das Getriebe gehörte zu einem Jagdflugzeug und wurde unter der Hautpturbine plaziert. Da es zwei Antriebsturbinen gab, gab's natürlich auch zwei Getriebe. In einem Getriebe ist Öl und dessen Menge muss ab und zu gemessen werden. Das hätte man, wie in Millionen anderer Getriebe auch, mit einem einschraubbaren Ölstab machen können. Hätte man, hätte es damals in Bonn auf der Hardthöhe nicht ein paar Schreibtischtäter gegeben, die am grünen Tisch festlegten, was so ein Jagdflugzeug können müsse. Unter anderem müsse es sich schräg an einer Böschung abstellen lassen. So schräg, dass ein Ölstab für die Messung nicht mehr ausreichend sei. Ich habe auch in den gewagtesten Filmen noch nie gesehen, dass man das mit einem Jagdflugzeug gemacht hätte. Die Zusatzforderung, dass die Ablesung ohne jegliche Korrektur, z.B. über Schrästellungstabellen erfolgen müsse, setzte dem Ganzen die Krone auf! Es gab niemand, dem man diesen Unsinn melden und ihn ausräumen konnte. Und so nahm das, für den Steuerzahler, teure Vergnügen seinen Lauf.

Der Punkt im Getriebe, an dem sich, bei all den geforderten Schrägstellungen, das Getriebeöl in ungefähr der gleichen Höhe befand, war, wie sollte es anders sein, mitten zwischen den Zahnrädern. Da kam selbstverständlich kein Ölstab hin. Man kam auf die glorreiche Idee, mit gebündelten Glasfasern Licht an diesen Punkt zu leiten, einen Schwimmer zu installieren und mit einem weiteren Bündel Glasfasern dessen Position auf einer Anzeige sichtbar zu machen. Die Anzeige, das war eben diese Stelle, die es abzudichten galt.

Was ich mit dieser kleinen Ölstandsanzeige erlebte, hat mir klar gemacht, warum militärische Projekte
a) teuer
b) unkalkulierbar
sind. Aber der Reihe nach. Wir hatten Glasfasern, wir hatten das Schwimmer-Gehäuse, wir hatten die Anzeige. Was wir nicht hatten, war ein Schwimmer, den wir zwischen die Zahräder plazieren konnten. Der Grund dafür lag wieder in einer hochgezüchteten Forderung. Das Getriebeöl sollte von -40 bis +150 einsatzfähig sein. Praktisch gesprochen. Der Vogel sollte komplett durchgefroren angelassen und sofort gestartet werden können! Das Öl, das man dafür entwickelt(!) hatte, war aber so agressiv, dass es alle Materialien ausser Spezial-Aluminium und -Magnesium zerfrass. Was wir brauchten, waren also ca. 5 mm große hohle Kügelchen aus Aluminium. Endlich hatten wir einen Hersteller, der uns diese Kügelchen liefern konnte.

Die ersten Versuche waren ernüchternd. Aus den Schwimmern wurden Taucher! Die Kügelchen waren nicht dicht. Sie hielten die starken Temperaturschwankungen nicht aus. Unser Unternehmen beschaffte sich also einen Prüfofen und eine Kältekammer. Meine Aufgabe war es, eine Box mit Kügelchen und Öl eine bestimmte Zeit in den Ofen zu stellen, dann heraus damit und in den Kühlschrank. Das Ganze mehrmals. Alle Kügelchen, die nach dieser Tortour noch schwammen, wurden heruasgefischt und in die Montage gegeben. Manche schafften es trotzdem, im praktischen Einsatz zu versagen.

Da ein große Menge Kügelchen in den Prüfofen passten, musste dieser hochkomplexe Versuch nur selten durchgeführt werden. Die dabei als Schwimmer ermittelten Kügelchen reichten für viele Getriebe! In der Zeit dazwischen machte uns der Ofen viel Freude: Zum Pizza backen! Auch die Kühlkammer wurde gut genutzt.

Eines Tages kam ein neuer Lieferant mit einem Säckchen voll Kügelchen. Wir glaubten es nicht: es waren nur Schwimmer, keine Taucher! Mit keinem Versuch brachten wir sie dazu, undicht zu werden! Die Freude währte nur kurz. Wir durften die Kügelchen nicht verwenden. Der Lieferant war nicht fürs Militär zertifiziert!

Im Feldversuch trat dann noch eine weitere Schwierigkeit auf: Nach einer Stunde Flugzeit war das Öl nicht klar und durchsichtig, sondern schwarz-trüb. Selbst mit der stärksten Taschenlampe brachten wir nur so wenig Licht durch den Messbereich, dass nur bei starkem Abdunkeln etwas abgelesen werden konnte.

Dass die Anzeige auch am Tage, im hellen Sonnenlicht ablesbar sein müsse, stand nicht in der Spezifikation.

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